Vom 27. bis 29. Januar 2010 findetdas Forum Lokaljournalismus in Dortmund statt. Der nachfolgende Text erscheint zum Auftakt am 27.1. in den Ruhr Nachrichten und der Münsterschen Zeitung.
In Redaktionskonferenzen fällt immer wieder diese Frage: Wen interessiert das? Wenn wir Journalisten über Themen, Gewichtungen, Darstellungsformen diskutieren, berufen wir uns gerne auf das eigene Bauchgefühl – und auf die eigene Familie: „Meine Mutter interessiert das nicht!“ Natürlich spielen auch Untersuchungen, Nachrichtenfaktoren (z.B. Aktualität, Nutzwert, Nähe …) und die inhaltliche Positionierung einer Zeitung im Medienmarkt eine wichtige Rolle für das tägliche Blatt machen, doch wenn der Zweifel groß ist, sind die Mütter nah. Interessanterweise sind es meist Mütter, die als Kronzeugen des Leseinteresses angeführt werden, weniger oft Väter.
In Dortmund beginnt heute das „18. Forum Lokaljournalismus“. Veranstaltet wird es von der Bundeszentrale für politische Bildung, kurz bpb. Das Lokaljournalistenprogramm des bpb will die Qualität des Lokaljournalismus fördern. Denn, so die Idee, was die Tageszeitung besser macht, dient auch der politischen Bildung. Und politische Bildung hilft der Demokratie.
Chefredakteure und Redaktionsleiter aus der ganzen Republik verlassen diese Woche die heimischen Redaktionskonferenzen und kommen für zwei Tage in den Signal-Iduna-Park. Dorthin, wo sonst Qualität in Schweiß, Heimsiegen und Toren gemessen wird. Die Medienmacher wollen über die Zukunft der lokalen Tageszeitung diskutieren. „Mutig, multimedial, meinungsbildend. Keine Demokratie ohne die lokale Tageszeitung“ lautet der programmatisch staatstragende Untertitel des Forums.
Werfen wir einen Blick auf das Programm, dann sind Zweifel angebracht, ob dies mit Blick auf unsere tägliche Berichterstattung eine Mütter-kompatible Konferenz ist: „Change-Management, der Newsroom verändert die journalistische Welt“, „Twitter & Co. – Kommunikation 2015 und die Rolle der Lokaljournalisten“, „Kreativ aus der Krise – erfolgreich mit neuen Geschäftsmodellen“, „Die Zukunft des lokalen Newsdesks“ … Es ist eine Fachkonferenz. Die Themen sind Spiegel einer medialen Entwicklung, die aus Zeitungsverlagen Medienhäuser gemacht hat.

Im WestPool: Holger Niehaus (l.) und Wolfram Kiwit in der Nachrichtenredaktion des Medienhauses Lensing.
Einer, der immer gerne seine Mutter ins Feld führt, ist mein Kollege Holger Niehaus (Foto). Sie werden seinen Namen selten in Ihrer, in unserer Zeitung lesen. Es sei denn Sie gucken ins Impressum. Holger Niehaus, der gerade 40 geworden ist, leitet so ein Newsdesk, über das beim Forum Lokaljournalismus diskutiert wird. Ich weiß nicht, ob er seiner Mutter erklärt hat, wie wir hier im Medienhaus Lensing den Medienwandel gestalten. Deswegen mache ich das jetzt.
Liebe Frau Niehaus,
die erste Zeitung aus dem Medienhaus Lensing erschien 1876 und hieß „Tremonia“. Dieser lateinische Name für Dortmund zeigte schon, die Gründer wollten Lokalzeitungen machen. Heute erscheinen unter dem Dach des Medienhauses Lensing, das als Familienunternehmen in der vierten Generation selbstständig und unabhängig geführt wird, sieben Zeitungstitel mit einer Gesamtauflage von rund 220.000 Exemplaren täglich. Die Ruhr Nachrichten sind mit einem Marktanteil von über 62 Prozent die größte Tageszeitung in Dortmund und Umgebung. Zum Medienunternehmen gehören zum Beispiel die Münstersche Zeitung, die Halterner Zeitung und die Dorstener Zeitung. Doch wir machen längst nicht nur Zeitung.
Ihr Sohn Holger sichtet als „Newsdeskmanager“ Nachrichten. Regt Geschichten an. Trifft Entscheidungen. Welche Nachricht gehört auf welche Seite? Welche erscheint in der Münsterschen Zeitung? Welche in den Ruhr Nachrichten? Im Lokalteil? Im Mantel, also auf den ersten Seiten? Und was geht sofort ins Internet? Gibt es zu dem Thema ein Video? Eine Bildergalerie? Was sollten wir twittern?
Liebe Frau Niehaus, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht wundern Sie sich, dass wir Nachrichten in ein Netzwerk wie Twitter einstellen. Oder auf unseren Web-Seiten wie www.RuhrNachrichten.de veröffentlichen, bevor sie in der Zeitung erscheinen. Für uns ist klar, unsere Nachrichten sind nicht allein für die Zeitung wertvoll. Die Menschen sind heute medial den ganzen Tag erreichbar. Nicht nur durch die Zeitung beim Frühstück. Radio und Handy unterwegs, Internet am Arbeitsplatz, überall interessieren sich Menschen für lokale Nachrichten, die unsere Reporterinnen und Reporter recherchieren. Die Kunst ist die Gewichtung. Im Internet das Ereignis, aktuell und treffend, bei Twitter die Kurzform in maximal 140 Zeichen – und in der Zeitung steht die Nachricht mit dem Hintergrund, der Einordnung und der gründlichen Analyse.
Dieses Nachrichtenmanagement für die verschiedenen Kanäle und Medienformen funktioniert am besten in einem „Newsroom“, also Nachrichtenraum. Mit Menschen wie Ihrem Sohn Holger, die dort an einem „Newsdesk“, also Nachrichtentisch, arbeiten. Neben Nachrichtenmanagern und Reportern sind natürlich auch noch gute Vermarkter notwendig, denn ein Medienhaus lebt von Abonnenten und Anzeigenkunden. Die Zeitungen in Deutschland verlieren Auflage, minus 1,7 Prozent im letzten Jahr bei den lokalen und regionalen Titeln. Die Menschen haben mehr Informations-Auswahl. Doch Zeitungen erreichen 71,4 Prozent der Deutschen über 14 Jahre. Und die Reichweite der Zeitungsangebote im Internet steigt Jahr für Jahr.
Über 300.000 Menschen nutzen jeden Monat die Internetangebote des Medienhauses Lensing. Hinzu kommen 500.000 Zeitungsleser. Die User im Netz, die Leser mit der Zeitung, sie alle erreichen wir mit unseren Nachrichten und Anzeigen.
Liebe Frau Niehaus, Sie sehen, der Medienmarkt ist in Bewegung. Und das bleibt so. Bald wird es neue Geräte geben. Zur Information, Kommunikation und Unterhaltung. Gerade heute schaut die Medienwelt gebannt nach San Francisco, wo der Computerhersteller Apple einen „großen Bruder“ des iPhones vorstellen könnte. Wieder eine Chance, auch für Journalisten und Vermarkter. Das iPhone ist heute schon ständiger Begleiter Ihres Sohnes. Wer weiß, wie das in fünf Jahren sein wird. Und wer weiß, wie wir Medienmacher mal seine Kinder, Ihre Enkel, erreichen werden.
Und die Enkel uns. Denn neue mediale Ausdrucksformen wie Twitter oder Netzwerke wie Facebook sind Sender und Empfänger, es sind Nachrichten- und Kommunikationsplattformen. Die Menschen, für die wir als Medienhaus Nachrichten produzieren, sie reagieren, kommentieren und produzieren eigene Nachrichten. Heute schon. Zum Beispiel in Blogs, öffentlichen Journalen im Netz.
Klar: Diese neue Medienwelt braucht auch neue Journalisten. Über deren Rolle und Aufgaben werden die Chefredakteure auf dem Forum Lokaljournalismus in Dortmund heftig diskutieren. Spannend wäre eine Parallelveranstaltung. Mit den Müttern der Medienmacher. Wie die wohl die Zukunft der Medien, insbesondere der Zeitung sehen? - Wolfram Kiwit
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