Auf der hohen Kante II

Samstags-Kolumne “Redewendung”
in den Ruhr Nachrichten:

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Selten haben mich so viele Zuschriften erreicht wie zur „hohen Kante“, die letzte Woche hier Thema war. Ein Leser hat sogar eine Zeichnung angefertigt, um die Redewendung „auf die hohe Kante legen“ auf ein Ehebett mit Holzhimmel zurückzuführen.

Eine Leserin schrieb, dass Frauen, die in den Beginen-Orden eintraten, einen verschließbaren Kasten für ihre Wertgegenstände mitbrachten. Darin sei eine Leiste für Geldstücke gewesen, die „hohe Kante“. Ehebetten mit Holzhimmel gibt es heute allenfalls noch bei den Guttenbergs. Die hanebüchene Copy+Paste-Geschichte hat ja diese Woche vorerst ein Ende gefunden. Hanebüchen kommt von hagebüchen, was das Adjektiv von Hagebuche ist. Dieser Baum zeichnet sich durch ein besonders knorriges, hartes Holz aus. Eine hanebüchene Geschichte ist also grob unglaubwürdig. Aus welchem Holz K-T zu Guttenberg selbst geschnitzt ist, wird sich noch zeigen. Nach der „Auferstehung“.

Ein neuer Datenträger

Auf der hohen Kante

Samstags-Kolumne “Redewendung”
in den Ruhr Nachrichten:

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Wir können Geld auf der Bank haben, in der Spardose, unterm Bett … oder auf der hohen Kante. Haben Sie in etwa eine Ahnung, woher diese Redewendung stammt? Ich hatte es nicht.

Der Umgang mit Geld ist für uns alle ein wichtiges Thema. Wir können nicht, wie zum Beispiel unsere Landesregierung, einfach ein paar Milliarden Euro mehr Schulden machen. Motto: Nach mir die Sintflut. In den meisten Haushalten ist Geld auf Kante genäht, es ist also wie bei einem sparsamen Schneider kein überflüssiger „Stoff“ vorhanden.

Geld auf der hohen Kante ist gespartes Geld. Meist wird die Redensart so erklärt, dass die in Rollen verpackten Geldstücke auf Kante, also hochkant, stehen. Denkbar ist auch, dass ursprünglich ein Wandbrett oder ein Sims gemeint ist, auf dem man vor fremden Augen Geld verstecken konnte. Hierzu passt die Geschichte vom Kutscher Friedrich des Großen mit Namen Pfund. Der übrigens in Pfundskerl redensartlich weiterlebt. Der König entdeckte in Pfunds Stall Taler auf einem Brett und fragte: „Was hat Er da?“ Er: „Ick hab se uff die hohe Kante jelegt, für wenn ick mal vor die Tür jesetzt werden sollte.“ Der König behielt den Pfundskerl. Und wir die hohe Kante. Wolfram Kiwit

Ruanda – das vergessene Land

Fenster in der Genozid-Gedenkstätte in Kigali

Fenster in der Genozid-Gedenkstätte in Kigali.

Für Ruanda interessiert sich hier niemand. Schon während des Völkermords 1994 hat die westliche Welt weggeschaut. Wissend. Die Blauhelme verließen das Land. Fast eine Million Menschen starben. Viele Tutsi durch die Macheten der Hutu. Kinder wurden gegen Kirchenwände geschleudert. Die Blutflecken sind dort heute noch zu sehen. Wer es sich leisten konnte, kaufte sich eine Patrone, einen Schuss. Von seinem Mörder.

Auch ich würde mich nicht mit Ruanda befassen, hätte mich nicht der Zufall im letzten Jahr in dieses wunderschöne ostafrikanische Land geführt. Die vielen grünen Hügel wirken sanft und friedlich. Doch die Menschen hungern, sind traumatisiert und werden von Präsident Paul Kagame autokratisch geführt. Kagame hatte mit seiner Ruandischen Patriotischen Front das Massaker 1994 beendet. Heute sorgt er für Stabilität – doch der Preis ist die Freiheit.

Gestern hat sich zum ersten Mal ein deutsches Gericht mit dem ostafrikanischen Genozid befasst. Angeklagt ist Onesphore Rwabukombe. Der 53-jährige lebt mit seiner Familie in einem Vorort von Frankfurt. Die Anklage: Völkermord.

Ruanda erreicht ein deutsches Gericht. Deutsche Behörden ermitteln, weil bei Völkermord das Weltrechtsprinzip gilt. Die Justiz darf tätig werden, auch wenn der Tatort im Ausland liegt und der mutmaßliche Täter kein Deutscher ist, sich lediglich hier aufhält.

Die Grausamkeit des Gemetzels wird im Frankfurter Gerichtssaal unvorstellbar bleiben. Auch Genozid-Gedenkstätten in dem kleinen, überbevölkerten Land geben uns nur eine Ahnung. Durch das Verfahren fällt ein Moment Licht auf das kleine, vergessene Ruanda. Das ist gut.

Und dann? Werden wir es wieder vergessen. Und froh sein, dass wir hier sind.

Wolfram Kiwit

Mausetot

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Gesine Lötzsch, halber Parteivorsitz der Linken, schwärmte jüngst vom Kommunismus. Applaus spendeten nur wenige Hammer- und Sichel-Verwirrte. Der Rest der Republik schüttelte den Kopf.

„Die DDR ist tot, der Kommunismus ist mausetot“, sagte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). Mausetot? Wie kommt er darauf? Vielleicht weil Honecker als graue Maus erschien? Und tot ist. Nun hat Genosse Frank-Walter Steinmeier, auch SPD, vor wenigen Wochen behauptet, die FDP sei mausetot. Die FDP ist nicht grau, eher liberal-krawatten-bunt.

Mausetot kann jeder sein. Ideologie- und parteiübergreifend. Einige Sprachforscher meinen, Maus käme hier von „Mors“. Mors als römische Göttin des Todes. Niederdeutsch steht „murs, mors“ für „gänzlich, plötzlich“. Also ganz tot. In jedem Fall ist mausetot eine Verstärkung. Wie aalglatt, bitterböse, pechschwarz oder leichenblass …

Mag sein, dass sich mausetot sprachlich gehalten hat, weil eine Maus, Klatsch!, leicht zu töten ist. „Mit einem Schlage todt“, steht zu mausetot bei den Gebrüdern Grimm. Tot ist tot. Die Reanimation des Kommunismus durch Gesine Lötzsch ist sicherlich vergebens. Denn für Mann und Maus war das keine gute Zeit. Wolfram Kiwit

Im Zenit

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Nie war die CDU so durchmerkelt wie heute. Die Kanzlerin dominierte ihren Parteitag in Karlsruhe. Viele politische Beobachter sehen sie derzeit im Zenit ihrer Macht.

Zenit, das hört sich wichtig an. Wie in Stein gemeißelt. Doch woher kommt die Redewendung?

Wer im Zenit seines Lebens steht, hat den Höhepunkt erreicht. Macht, Ruhm, Bedeutung … mehr geht nicht. Zenit bezeichnet einen angenommenen, senkrecht über dem Beobachter liegenden, höchsten Punkt am Himmel. Steht die Sonne im Zenit, ist es Mittag. Das Wort „Zenit“ kommt eigentlich vom arabischen „samt“ für Weg, Straße Richtung, genauer von „samt ar-ra‘s“ für „Richtung des Kopfes“. Über Schreibfehler und falsche Lesarten wurde aus samt im Italienischen zenit – und gelangte dann auch ins Deutsche.

Ähnlich verworren wie die Herkunft des Wortes ist die astronomische Erläuterung (Zenit eines Punktes der Erdoberfläche = die nach oben verlängerte physikalische Lotrichtung, die Senkrechte auf die Horizontebene).

Mit Blick auf die Kanzlerin erscheint es wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Zenit der Anfang vom Ende ist. Zenit ist ein Scheitelpunkt. Nach dem Mittag beginnt die Dämmerung. Wolfram Kiwit

Ritt über den Bodensee

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Die berühmten 100 Tage sind für die NRW-Landesregierung seit gut einer Woche Geschichte. Genau vor 108 Tagen wurde Hannelore Kraft zur Ministerpräsidentin der rot-grünen Minderheitsregierung gewählt. Diese Koalition wird ein Ritt über den Bodensee, haben viele politische Beobachter der Mühlheimerin prophezeit. Mit 90 gegen 91 Abgeordnete lasse sich schlecht regieren. Schon bald würde wieder gewählt …

Nun liegt Mühlheim an der Ruhr, Düsseldorf am Rhein, und trotzdem taugt der Ritt über den Bodensee auch hier als Sprachbild für eine schwierige Mission. Die Redewendung geht auf die Ballade „Der Reiter und der Bodensee“ von Gustav Schwab zurück, die im frühen 19. Jahrhundert entstand. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein Reiter muss an einem Wintertag ans andere Ufer. Er möchte ein Schiff nehmen und merkt bei dem schlechten Wetter nicht, dass er über den dünn gefrorenen Bodensee galoppiert.

Der Nebel um die Zukunft von Rot-Grün wird sich demnächst lichten, wichtige Kraft-Proben stehen noch bevor. Als der Reiter erfährt, in welcher Gefahr er war, fällt er tot vom Pferd. Das ist keine Lösung für Rot-Grün. So sind wir gespannt auf die nächsten 100 Tage … Wolfram Kiwit